• Gustav Seibt, "Weltgeist auf Spaziergängen"

Der nachfolgende Aufsatz von Gustav Seibt erschien am 06.09.2007 im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Wir bedanken uns beim Autor für die freundliche Genehmigung, seinen Text hier verwenden zu dürfen, und bei der Redaktion der "Süddeutschen Zeitung", die uns den Artikel zur Verfügung stellte.

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Weltgeist auf Spaziergängen

Thüringen und Sachsen-Anhalt: Das kulturelle Herz Deutschlands schlägt in einer Region, die allzu oft übersehen wird

Preußen erlebt gerade eine seiner periodischen Wiederauferstehungen im historischen Gedächtnis. Angeregt von den Jahrestagen seiner Niederlagen und seiner Reformen vor zweihundert Jahren, befeuert von glänzenden Darstellungen wie der Christopher Clarks („Preußen”) oder der Günter de Bruyns („Als Poesie gut”), die beide Bestsellererfolg errangen, entdeckt das Publikum einen mit Geist und Wissenschaft verbündeten Staat jenseits des Militarismus. Die intellektuelle Humboldt-Nostalgie und die unverminderte Aktualität von Schinkels Funktionalismus tun ein Übriges.

Aktuell dürfte ebenso wichtig sein, dass ein Jahrzehnt nach dem Hauptstadtumzug die Neuankömmlinge begonnen haben, sich im Berliner Umland einzurichten, in alten Gutshäusern oder Scheunen, neben den schlichten Kirchen mit ihren Soldaten- und Dichtergräbern. Fontane wird einer neuen Generation zum lokalhistorischen Führer ins Preußische, und eigentlich wartet man auch auf Neuausgaben der „Hosen des Herrn von Bredow” von Willibald Alexis und anderer Heimatliteratur, die ja auch in der DDR nie ihre Stellung verloren hatte.

Aber so schön die steppenhafte Stille zwischen Beeskow und Angermünde für den ruhebedürftigen Großstädter ist, so gern man Bio-Obst aus Brodowin genießt, so hübsch die Gutshäuser bei Großziethen anmuten: Es sind eben vor allem Stille und Leere, die diese Gebiete so reizvoll machen für Großstädter, die gern einmal dem Überangebot entfliehen und am Wochenende eine kleine Offiziersanekdote zu schätzen wissen, von einem Grafen, der einem königlichen Befehl ausnahmsweise nicht folgte und auf sein Grab schrieb: „Wählte Ungnade, wo Gehorsam Unehre gebracht hätte.”

Zwischen Elbe und Ilm

Wer zweihundert Kilometer weiter nach Süden fährt, gelangt in ein Gebiet, wo deutlich mehr los war, dessen Geschichte so verzwickt und kleinteilig ist, dass sie für nostalgische Identifikationen völlig untauglich ist, obwohl von hier buchstäblich fast alles ausging, womit Deutschland die Welt positiv beeinflusst hat. Zwischen Wittenberg an der Elbe und Weimar an der Ilm erstrecken sich diese nach Süden zu immer gebirgigeren Gegenden, in deren kleinen Städten sich für drei Jahrhunderte eine geistige Produktivität in einer Dichte entfaltete, für die man Parallelen nur in der Toskana der Renaissance oder im antiken Griechenland findet. Thüringen und die ehemals anhaltischen Gebiete sind das, was man in Italien immer von Umbrien sagt: das Herz unseres Landes. Aber davon schweigen des Liedes Stimmen, die von Preußen so viel zu sagen wissen.

Das ist seltsam, weil eine bloße Aufzählung schon die Frage aufwirft, wie das möglich war: Von hier ging die lutherische Reformation in die Welt, die sich zwischen Erfurt und Wittenberg entwickelte und ohne die beispielsweise die Vereinigten Staaten von Amerika nicht das wären, was sie sind. Hier wurde, zwischen Weimar und Dessau, der Stil des Bauhauses entwickelt, der das Aussehen der Metropolen auf dem ganzen Globus bis heute prägt. Hier waren die Wirkungsstätten von Bach und Goethe, hier war zuvor von Luther in seiner Bibelübersetzung die deutsche Sprache geschaffen worden, mit der wir uns heute noch schriftlich verständigen.

Als Goethe 1813 die Totenrede auf Christoph Martin Wieland hielt, da sagte er, in Anspielung auf die Schlacht von Jena und Auerstedt, die Weltgeschichte habe sich „auf unseren Spaziergängen” entschieden. Das gilt mehr noch im Geistigen. Als Napoleon 1806 von Jena nach Weimar ritt, da lag in der einen Stadt die „Phänomenologie des Geistes” auf einem Schreibtisch, in der anderen der erste Teil des „Faust”. Aber beherrscht wurden diese Gebiete nicht von einem glanzvollen Machtstaat, sondern von ineinander verkeilten Fürstentümern, die anderswo als bessere Grundherrschaften gegolten hätten.

Da gab es an der Elbe einen Fürsten, der sein ganzes Land in einen Landschaftsgarten verwandelt hatte und die Abschlussprüfungen an seinen Schulen gern selbst abnahm. In Jena stand eine Universität, die von vier Trägern mühsam auf den Beinen gehalten wurde, an der aber soeben ein Umsturz der Philosophiegeschichte stattgefunden hatte. In Weimar hatte der Herzog sich gerade von seinem besten Dichter eine neue Innenausstattung für sein Schloss entwerfen lassen. Im Sommer spielte man in einem Nest namens Lauchstädt vor fünfhundert Leuten, meist Studenten aus Halle, Stücke, die eigentlich vor das Publikum einer „Comédie francaise” gehört hätten, und der abwesende Theaterdirektor, Herr von Goethe, ließ sich von seiner Lebensgefährtin die Abendeinnahmen melden – sie bewegten sich zwischen 350 Talern (bei Schiller) und 250 (bei Goethe).Man muss einmal nach Lauchstädt fahren, wo der Theaterraum, wie ihn Goethe selbst bis in die Farbgebung hinein entworfen hat, fast unverändert noch besteht, um dieses erschütternde Missverhältnis von puppenhafter Umgebung und geistigem Höhenflug zu ermessen. Der Weltgeist bewegte sich wirklich auf Spaziergängen, und die meisten verlaufen noch am selben Ort. So in Ilmenau, in Ossmannstedt oder Bad Berka – kaum ein Ort, wo nicht ein klassisches Werk geschaffen wurde.

Was hat diese Produktivität ermöglicht? Man könnte große Theorien dazu entwickeln, beispielsweise die von der Situation eines ehemaligen Koloniallandes, in dem die Dinge, die anderswo schon entwickelt worden waren, noch einmal vereinfacht und zugespitzt und somit erst richtig exportfähig gemacht wurden: die deutsche Sprache, die hier von Luther dialektarm fürs Überregionale geschliffen wurde, oder das Christentum, das derselbe Luther vom Gewimmel der Heiligen und kirchlichen Vorschriften befreite, oder das funktionale Bauen, das sich hier im Klassizismus von Wörlitz und im Bauhaus so schön wie praktisch und kostengünstig ausbildete.

Handfester ist vielleicht die kleinhöfische Situation: Sie bot die Verbindung von Schutz nach außen mit materieller Beschränkung im Inneren, die zusammen Eigensinn und Einfallsreichtum beförderten. Ohne seinen sächsischen Fürsten wäre Luther einer der vielen verbrannten Ketzer des Spätmittelalters geworden. Und der Repräsentationsbedarf von einem Dutzend Höfen auf engstem Raum befeuerte ein riesiges Kunsthandwerk zur ästhetischen Erziehung einer ganzen Region – aber mit bescheidensten Mitteln. Die Kultur zwischen Wörlitz und Weimar besteht weitgehend aus Gips, Pappmaché und heimischen Baustoffen, der Glanz musste hier ganz aus der Konzeption, dem glücklichen Einfall kommen. Die untrügliche Sicherheit im Geschmack, bis in die Dekors, legen Zeugnis ab von dieser verbreiteten ästhetischen Erziehung.

Die verlorene Handschrift

Ähnliches gilt für die Musik, die hier kaum mit den großen Apparaten der Oper und der höfischen Repräsentation arbeiten konnte, sondern weithin Kirchen- und Kammermusik war. Das Land, in dem alle fünfzig Kilometer ein Schloss steht, brachte kein Versailles mit allem, was daran hängt, hervor, nicht einmal ein Potsdam, aber Werke, die vor Kirchenbänken oder auf ein paar Brettern aufgeführt wurden: die „Matthäuspassion” und den „Torquato Tasso”. Die Lutherbibel wurde in einer Turmstube fertiggestellt und dann vor hundert Studenten interpretiert. Die Kraft der einzigartigen Produktivität im mitteldeutschen Raum kommt aus der Intimität.

Sie bedeutete nie Provinzialität, weil höfische Kultur, welchen Zuschnitts auch immer, unvermeidlich international vernetzt ist – schon aus ständischen Heiratsgründen. Anhaltische und sachsen-coburgische Prinzen und Prinzessinnen gelangten auf die Throne Russlands und Englands, Belgiens und Bulgariens und auf viele kleinere.

All das hat Deutschland geerbt, und weil es ein föderalistischer Staat ist, zwei seiner ärmeren Länder, nämlich Sachsen-Anhalt und Thüringen. Und hier zeigt sich, wie problematisch es ist, dass wir zwar eine großstädtisch-elegante Preußen-Nostalgie haben, aber kein rechtes Bewusstsein von den Kerngebieten zwischen Elbe und Thüringer Wald. Auch Dresden war für nationale Anstrengungen, gestützt von den Fernsehanstalten, gut, aber in Weimar konnte eine Bibliothek ausbrennen, weil kein Geld für ein Zwischenlager da war.

Dabei geht es der Weimarer Klassikstiftung noch vergleichsweise gut. Das Wörlitzer Gartenreich ist grotesk unterfinanziert, und in Thüringen muss man nur aus Weimar herausgehen, beispielsweise nach Gotha, um eine fast unvorstellbare Verwahrlosung zu finden. In Gotha steht ein Schloss, das 1643 begonnen wurde, und das man als die erste Wiederaufbaukunst nach dem Dreißigjährigen Krieg verstehen kann; ein historisch erstrangig interessanter Ort mit schweren wulstartigen Stukkaturen, die damals von Italienern gefertigt wurden – erste Wiederanknüpfung an den ästhetischen Weltverkehr. Aber wer kennt schon Gotha? Den Roman „Die verlorene Handschrift” von Gustav Freytag, der unter anderem im dortigen Schloss spielt, liest niemand mehr, und die Sozialdemokratie, die sich dort ihr wichtigstes Programm gab, hat andere Sorgen als ihre Traditionspflege. Noch vor fünfzig Jahren freilich, als Thomas Mann über Gotha nach Weimar fuhr, machte er selbstverständlich Halt am Grab von Freytag im Vorort Siebleben, um seines einst berühmten Kollegen zu gedenken.

Thüringen und Anhalt erleiden heute ein Aufmerksamkeitsdefizit, weil sie in ihrer Mitte kein Berlin haben, von dem aus neugierige Großstädter sich mit Literatur unterm Arm in die Dörfer und Residenzen aufmachen. Dabei sind es die kultiviertesten, historisch interessantesten Gebiete Deutschlands, die ihren Fontane schon deshalb nicht gefunden haben, weil über sie viel zu viel zu erzählen gewesen wäre.

[Gustav Seibt]

 

(Die Fotos wurden durch uns ausgewählt und eingefügt. Sie sollen auf dieser Seite mit dem Text unterhaltsam und illustrierend korrespondieren, sind aber nicht Bestandteil der ursprünglichen Publikation.)